Slow Life: Die Kunst der Entschleunigung

Das Slow Movement – der Trend zur Entschleunigung – gewinnt immer mehr Anhänger. Alles begann 1986 mit Carlo Petrini’s Empörung über die Eröffnung einer McDonald’s Filiale mitten in Rom. Die Slow-Food-Bewegung, die daraus hervorging, hat mittlerweile hunderttausende Anhänger in den unterschiedlichsten Ländern. Eine ständig wachsende Zahl von Bewegungen schließt sich dem Ruf nach Entschleunigung an: Slow Cities, Slow Media, Slow Fashion, Slow Sex, Slow Science, Slow Parenting oder auch Slow Travel. Sicherlich ist die Liste unvollständig und es gibt mittlerweile weitere Milieus, die den Wert der Langsamkeit für sich entdeckt haben. Fest steht: Die Philosophie der Entschleunigung stößt in den unterschiedlichsten Lebensbereichen auf enorme Resonanz.

Vom Wert der Entschleunigung  

 

Allen Bewegungen ist eine tiefe Sehnsucht nach einem bewussteren, weniger komplizierten, auf jeden Fall einem lebenswerterem Leben eigen. Sie verkörpern das Bedürfnis nach Verlangsamung und Abkopplung von einer Welt, die im Fast-Forward-Modus zu stecken scheint. Die ständige Hetzerei führt zu dem Gefühl, nicht genug Zeit für die wirklich wichtigen Dinge zu haben. Das Slow Movement bietet eine Alternative an: Wenn wir unser Tempo drosseln, können wir die Ereignisse in unserem Leben intensiver erleben, das Leben in seiner Fülle wahrnehmen und es genießen, anstatt nur hindurch zu hetzen. Dadurch bringen wir mehr Freude in unsere Tätigkeiten, vertiefen die Beziehungen zu unseren Mitmenschen und unserer Umwelt. So kann ein bewussteres, tiefsinnigeres und gesünderes Leben gelingen.

Die heutige Welt bietet uns eine Fülle an Möglichkeiten, mit denen wir unsere Zeit vertreiben können. Es fällt oft schwer, Prioritäten zu setzen. Die zahlreichen Möglichkeiten zwingen uns Entscheidungen auf. Denn je mehr Möglichkeiten es gibt, desto mehr müssen wir verzichten. Da wir aber auf möglichst wenig verzichten wollen, stopfen wir unsere Tage so voll wie möglich. So wird unser Leben zu einem ständigen Wettlauf gegen die Zeit. Das brennt uns aus und hält uns davon ab, den Moment zu genießen. Denn in jedem Moment gibt es ja noch zahllose andere Dinge, die wir dringend erledigen sollten. Die Krankheit unserer Zeit – das Burnout-Syndrom – ist eine Konsequenz des ständigen Getrieben-Seins, das wir uns vor allem selbst auferlegen.

Permanente Tempo-Erhöhung ist außerdem wie eine Droge, die uns von den Problemen, Schwierigkeiten und Widersprüchen unserer Existenz ablenkt. Der tibetische Meditationsmeister Sogyal Rinpoche meint dazu:

„Im Westen besteht Faulheit darin, das Leben mit zwanghaften Aktivitäten so voll zu stopfen, dass keine Zeit mehr bleibt, sich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern.“

Der krampfhafte Versuch, immer mehr Dinge in immer weniger Zeit zu erledigen, kann zu einer Taktik werden, den wirklich bedeutenden Fragen des Lebens und einer womöglich schwer erträglichen Stille aus dem Weg zu gehen.

In Praise of Slowness: Anleitung zu mehr Geruhsamkeit

Das Buch In Praise of Slowness: How a Worldwide Movement is Challenging the Cult of Speed des kanadischen Journalisten Carl Honoré erschien 2004, wurde in 30 Sprachen übersetzt und weltweit zum Bestseller. Der Erfolg verdeutlicht das enorme Bedürfnis nach Entschleunigung in den unterschiedlichsten Ländern.

Honoré beschreibt darin den Aufstieg des Slow Movements, das seit seinen Anfängen in den 90er Jahren ständig wächst und immer mehr Lebensbereiche erfasst. Die Bewegung der Entschleunigung bezeichnet der Kanadier als kulturelle Revolution gegen die weitverbreitete Auffassung, dass schneller immer besser ist. In unserer Kultur, in der Langsam-sein häufig mit Faulheit und Untätigkeit gleichgesetzt wird und außerdem ein Synonym für dumm ist, müsse der Wert der Langsamkeit und Entschleunigung laut Honoré erst wiederentdeckt werden. Oberflächlich betrachtet möge Schnelligkeit mehr Effizienz bedeuten. Das treffe aber längst nicht immer zu. Manchmal sei es sinnvoller, weniger zu erledigen und dafür den Aktivitäten mehr Zeit zu geben. Dann könnten wir uns tiefgründiger, mit mehr Freude und Hingabe den Aufgaben widmen und so bessere Resultate erzielen. Wir erledigten vielleicht weniger, machen aber das, was wir tun, auch wirklich gut. Auch bei der Arbeit sei es meist sinnvoller, sich intensiv mit einem Problem zu beschäftigen und mehrere Möglichkeiten abzuwägen, statt auf möglichst schnelle Lösungen abzuzielen, meint der Autor.

Das Slow Movement will unserem Leben, unserer Arbeit und Freizeit mehr Qualität verleihen. Der ständige Wettlauf gegen die Zeit, so Honoré, wirke sich auf alle Lebensbereiche aus. Anstatt des guten Lebens hätten wir uns für das schnelle Leben entschieden. Für viele komme das Erwachen aus dem Geschwindigkeitsrausch erst durch einen Weckruf in Form einer Krankheit (z.B. Burnout) oder einer zerbrochenen Beziehung.

Interessanterweise sieht Honoré die Gründe für unsere Raserei nicht so sehr in externen Faktoren, auf die wir keinen Einfluss hätten. Er meint, es sei vor allem unser Verständnis von Zeit, das uns zu Getriebenen macht. In den westlichen Gesellschaften nehmen wir Zeit vor allem als ein knappes Gut wahr. Deshalb versuchten wir, so viel wie möglich aus ihr herauszuholen, indem wir alle Prozesse beschleunigen. Dieses Verhalten folge aus unserem linearen Verständnis von Zeit. Es gäbe aber Kulturen, deren Zeitwahrnehmung sehr viel zyklischer ist. Sie verstehen Zeit als eine sich ständig erneuernde, in großen Kreisen verlaufende Kraft.

Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Sehr lohnenswert zum Thema Beschleunigung ist außerdem der Dokumentarfilm von Florian Opitz Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Auch Opitz fragt sich, warum wir gefühlt immer weniger Zeit haben, obwohl doch immer effizientere Geräte erfunden werden, die Zeit sparen sollen. Alltägliche Aufgaben wie Wäsche waschen beanspruchen heute viel weniger Zeit als noch vor ein paar Jahrzehnten und doch leiden wir stärker unter gefühltem Zeitmangel als vorherige Generationen. Warum ist das so?

Opitz Antwort: Da Geschwindigkeit eng mit finanziellem Gewinn verbunden ist, wird sie im Kapitalismus zwangsweise immer weiter vorangetrieben. Dabei droht sich der Mensch selbst abzuschaffen, weil er mit diesem Tempo nicht mehr mithalten kann und deshalb durch Maschinen oder Computer ersetzt werden muss.

Die immer schneller werdenden Geschwindigkeiten von Maschinen, von Telefonen, Fahr- und Flugzeugen sowie nicht zuletzt den Computern übertragen sich auf uns, beeinflussen unsere Wahrnehmung und verändern sogar die Struktur unserer Gehirne, weil diese dann auch immer schneller funktionieren müssen. Wir passen uns dem Takt der Maschinen an, nicht andersherum.

Im Dokumentarfilm erzählt der Soziologieprofessor Hartmut Rosa, dass den Menschen vor 200 Jahren, als die Eisenbahn erfunden wurde, in einem Zug schwindlig wurde, der sich mit 30 km/h fortbewegte. Derart rasante Geschwindigkeiten waren die Zeitgenossen nicht gewohnt. Damalige Wissenschaftler waren überzeugt, dass unser Gehirn bei einem Tempo von 30km/h an seine Grenzen stößt und höhere Geschwindigkeiten nicht mehr aushielte. Mittlerweile haben wir uns an ganz andere Geschwindigkeiten gewöhnt. Doch was ist der Preis für diese Tempo-Rekorde?

Entschleunigung: Alternative Lebensmodelle

Opitz‘ These lautet, dass wir unter der stetigen, als alternativlos deklarierten Geschwindigkeitserhöhung leiden. Leider scheine unsere Zeit zu phantasielos, um nach Alternativen jenseits des Temporausches zu suchen. Einige Gegenentwürfe lotet der Filmemacher in seinem Dokumentarfilm aus. Dazu besucht er beispielsweise eine Schweizer Bergbauernfamilie sowie einen ausgestiegenen Investmentbanker. Auch wenn die Beispiele etwas klischeehaft wirken, zeigen sie, dass das Leben im Geschwindigkeitsrausch nicht alternativlos ist und wir selbst über unsere Zeit bestimmen können. Leider handelt es sich dabei um klassische Aussteigerbeispiele. Der Frage, ob auch innerhalb der Gesellschaft Wege aus der Hamsterrad-Logik führen, geht Opitz nicht weiter nach.

Dafür verdeutlicht er, wie eng die Umweltzerstörung und Ausbeutung natürlicher Ressourcen mit der allgegenwärtigen Beschleunigung zusammenhängt. Unserer Wachstumslogik liegt zugrunde, dass Unternehmen immer mehr produzieren müssen und das möglichst schneller als die Konkurrenz, um einen Wettbewerbsvorteil zu haben. Das führt zu einem industriellen Raubbau an der Natur und dadurch früher oder später zu einer globalen Katastrophe, auch wenn das die meisten das nicht wahrhaben wollen oder erfolgreich verdrängen. Eine Alternative scheint dringend notwendig.

In diesem Zusammenhang diskutiert Opitz das Konzept „Bruttonationalglück“, ein Index für die Zufriedenheit der Bürger, den der kleine Himalaya-Staat Bhutan in seiner Verfassung verankert hat. Dieser erklärt das individuelle Glück jedes Einzelnen zur obersten Staatsmaxime, anstelle des wirtschaftlichen Wachstums. Auch Ecuador und Bolivien haben ähnliche Grundsätze in ihre Verfassungen geschrieben, die sie mit dem Begriff ‚buen vivir‘ umschreiben. Wie das konkret umgesetzt werden kann, bleibt derweil unklar. Zumindest ist es aber ein klares Bekenntnis zu bestimmten Werten und Prioritäten, die den Weg in Richtung Entschleunigung ebnen.

Das bedingungslose Grundeinkommen als Weg zur Entschleunigung

Im letzten Teil des Films spricht Opitz außerdem die Option eines bedingungslosen Grundeinkommens an. Das bedingungslose Grundeinkommen verspricht jedem Bürger ein Einkommen vom Staat, das ihm ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Die staatliche Zuwendung ist für jeden Menschen gleich, unabhängig von der ökonomischen Situation. Außerdem muss keine Gegenleistung erbracht werden. Opitz meint dazu:

„Mitrennen im Hamsterrad, allein um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wird dann der Vergangenheit angehören.“

Wenn die Sorge um die finanzielle Absicherung nicht mehr unser Leben bestimmt, könnten wir uns endlich dem Projekt widmen, ein gutes Leben zu führen. Wir hätten jede Menge Zeit für die Dinge, für die wir wirklich brennen. Wir könnten unseren Talenten und Begabungen folgen, statt immer aufs Geld schauen zu müssen. Zumindest sehen das die Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens so. Die Gegner meinen: Dann würde doch niemand mehr arbeiten. Dieser Ansicht liegt aber die Annahme zugrunde, der Mensch sei von Natur aus faul. Genauso gut können wir annehmen, dass der Großteil der Menschen ein tiefes Bedürfnis hat, sich sinnvoll mit den eigenen Begabungen und Talenten in die Welt einzubringen.

Wie sich ein solches Grundeinkommen tatsächlich auf die Gesellschaft auswirkt, können wir letztendlich nur durch Trial und Error herausfinden. Dazu müsste das Konzept zunächst in kleinem Rahmen ausprobiert werden. Auch der Soziologe Hartmut Rosa spricht sich in Opitz‘ Film für das bedingungslose Grundeinkommen aus:

„Das könnte ein Weg sein, Wachstums- und Beschleunigungslogiken auf eine humanverträgliches Maß zu reduzieren. (…) Wir kämen wieder in die Lage, darüber nachzudenken, was uns wirklich wichtig ist im Leben und wie wir unser Leben führen wollen. Ökonomie, Anerkennung und Konkurrenz würden dann nicht mehr die alles dominierende Rolle spielen.“

Die Initiative „Mein Grundeinkommen“ sammelt seit 2014 per Crowdfunding Geld für bedingungslose Grundeinkommen, die regelmäßig an zufällig ausgewählte Teilnehmer verlost werden. Jeder kann an der Verlosung teilnehmen, auch wenn man selbst gar nichts spendet. Schließlich ist dieses Grundeinkommen an keinerlei Bedingungen geknüpft. Mittlerweile gibt es schon über 30 Gewinner, die ein Jahr lang bedingungslos 1.000 Euro monatlich erhalten.

Aber würde uns ein bedingungsloses Grundeinkommen wirklich die verlorene Zeit zurückbringen? Könnten wir, wenn sich die äußeren Umstände ändern, endlich ein glückliches, erfülltes Leben führen? Oder könnten wir uns auch ohne ökonomische Zwänge die Rastlosigkeit nicht abgewöhnen? Würde der Wettbewerb in anderen Bereichen, beispielsweise um Anerkennung oder Privilegien, uns nicht weiterhin zu Getriebenen machen?

Ist Entschleungigung in unserer Gesellschaft möglich? 

Wahrscheinlich ist es ein Fehler zu glauben, unser Leben würde sich ändern, sobald sich die äußeren Umstände ändern. Wahrscheinlich müssen wir uns zuallererst selbst ändern und dann kann die Welt folgen. Es ist immer unsere eigene Entscheidung, im Hamsterrad mitzurennen oder nicht. Das ist der Punkt, wo das Slow Movement ansetzt. Es geht darum, unter den gegebenen Umständen bewusst eine andere Richtung einzuschlagen als der Mainstream. Wir können unsere eigene Zeitwahrnehmung überdenken und den wirklich wichtigen Dingen wieder die Zeit und die Wertschätzung geben, die sie verdienen. Indem wir den Wert der Langsamkeit bzw. Entschleunigung (wieder)entdecken und leben, beeinflussen wir auch die Welt und die Menschen um uns herum.

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